Balkan-Roadtrip 2016 – Teil 11 (AL) Im Paradies

Das Paradies auf Erden

Samstag, 13.08.2016

Die Nacht ist angenehm, 14 Grad zeigt das Thermometer. Endlich mal wieder richtig schlafen. Gegen acht Uhr wird es draußen hektisch. Kuhglocken und Hundegebell mischen sich mit Schafsgeblök und vereinzelten Motorengeräuschen. Das Dorf erwacht.

Didi Wöhrmann, Reiseblogger, vor seinem Bulli in Theth, Albanien 2016

Kann es einen schöneren Start in den Tag geben?

Es ist zwanzig vor neun, die Sonne wärmt das Didimobil. Ich stehe auf – freiwillig. Um das Didimobil herum streunen die Hühner, weiter hinten grasen Schafe. Kurz darauf kommt der Grundstücksbesitzer mit drei Kühen vorbei und treibt diese zur Weide. Wir grüßen uns freundlich.

Huhn mit Kücken in Theth

Da kommt das Frühstücksei… 😉

Auf der Hauptstraße ist bereits geschäftiges Treiben. Wandertouristen warten in kleinen Gruppen auf ihre Begleiter oder auf den Bus in die Stadt, ein junger Schäfer treibt seine Schafe die staubige Straße entlang. Wenn nicht ab und an ein Fahrzeug vorbeifahren würde, man wüsste nicht, welches Jahr heute ist.

Schäfer und Schafe auf der Dorfstraße in Theth, Albanien 2016

Geschäftiges Treiben auf der Hauptstraße

Bald erblicke ich den schwarzwälder Weltenbummler. Er hat schon eine Stunde Fußweg hinter sich von seiner Pension, ich setze einen Kaffee auf. In der Zwischenzeit bekommen wir Besuch von den Kindern der Grundstücksbesitzer. Der Große interessiert sich sehr für Autos und ist vom Didimobil fasziniert. Am liebsten würde er eine Runde durch das Dorf drehen. Er fahre sehr gut Auto, meint er. Dennoch habe ich etwas Angst um das Didimobil, und so bleibt sein Autofahrerausflug ein großer Traum von ihm.

Theth, das ehemals abgeschiedenste Dorf Europas

Blick auf das “Zentrum” von Theth mit dem Didimobil im Garten.

Pünktlich um zehn erscheinen auch die beiden Erfurter. Sechs Kilometer sind es bis zum Blue Eye, einem kleinen, tiefblau schimmernden Gebirgssee, der von einem Wasserfall gespeist wird. Die Piste dorthin ist Berichten zufolge nur mit einem Allradfahrzeug zu bewerkstelligen. Andere Leute berichten, auch mit einem Bulli bereits die komplette Strecke nach Shkodra bewältigt zu haben – 70 Kilometer in zwölf Stunden.

Albanische Alpen, Shala-Fluss, Theth

Blick von der Brücke auf den Shala-Fluss und das Ende des Tals.

Wir versuchen unser Glück. Bereits auf den ersten hundert Metern hinter der Brücke haben wir mit losem Geröll und einer kleinen Steigung zu kämpfen. Die Piste biegt kurz hinter der Brücke von der “Hauptstraße” ab und verläuft am Südufer des Shala-Flusses. Bis zur gestern gesehenen, abenteuerlichen Fußgängerbrückenkonstruktion lässt sich die Straße ähnlich gut oder schlecht fahren wie die Staatsstraße vom Thore-Pass.

Piste zum Syri i kalter, blaues Auge von Theth

In Schrittgeschwindigkeit durch wundervolle Landschaften

Wenig später erfahren wir dann, warum diese “Straße” nur mit Allradfahrzeugen fahrbar sein soll: Grobes, loses Geröll auf Gefälle von gut 15%, gespickt mit großen Felsbrocken machen ein Durchkommen fast unmöglich. Wir rutschen das Gefälle hinunter, ab und an setzen wir mit dem Unterboden auf. Die Kunst liegt darin, nicht in die tiefen Furchen zu rutschen, die die Spur darstellen sollen, doch rechts und links gibt es kaum Platz, möchte man nicht sein schaukelndes und schwankendes Auto am Felsen zerkratzen.

Flussquerung auf der Piste zum blauen Auge von Theth

Fluss und Weg teilen sich häufig das gleiche Trassée

Unterwegs treffen wir den Kleinbus eines Familienmitglieds meiner “Gastgeber”. Irgendein Elektronikproblem, wir können mit Isolierband und Gaffatape helfen. Zum Blue Eye? Ist nicht mehr weit, sie kämen gleich nach. Dann treffen wir uns also unten.

Ein Fiat Punto, vollbesetzt mit fünf Personen, kommt uns entgegen. Das macht Mut, wenn der das schafft, dann schaffen wir das auch. Weiter bahnen wir uns einen Weg, teilweise überschneidet sich die Piste mit einem Bach. Ist nicht tief, vielleicht 20 Zentimeter. Das grobe Geröll macht mir mehr Sorgen.

Wassermühle in Nderlysaj, Theth, Albanien

Interessantes Haus mit Bewässerungssystem

Nach einer guten Stunde Fahrt erreichen wir eine Brücke über den Shala-Fluss. Laut Reiseführer soll man vor der Brücke nach rechts abbiegen ins Dorf Nderlysaj. Hier gibt es weder Straßen, noch entsprechende Schilder. Ein andeutungsweiser Weg führt mitten durch dichtes Gebüsch. Etwas, das aussieht, als könnte es eine Straße sein, führt zurück durch einen kleinen Bach. Wir entscheiden uns für den Bach. Ohne zu versinken finden wir ausgefahrene Spuren am anderen Ufer. Am Ende der Straße befindet sich laut Reiseführer die alte Schule. Dort ist ein Parkplatz, weiter kommt man nicht. Wir finden keine Schule, dafür aber ein seltsam anmutendes kleines Häuschen mit einem künstlich angelegten Bewässerungssystem. Das schauen wir uns einmal näher an.

Vom Wasser angetriebene Maismühle, Nderlysaj, Theth, Albanien

Vom Wasser angetriebene Maismühle

Während wir und das Häuschen genauer betrachten, nähert sich ein älterer Herr und steuert direkt auf uns zu. Er spricht nur albanisch, und als er merkt, dass wir uns für das Haus interessieren, holt er einen Schlüssel aus seiner Tasche und sperrt uns die Tür auf. Es handelt sich um eine alte Wassermühle, in der durch Wasserkraft ein Mühlstein angetrieben wird, welcher Mais zu Mehl verarbeitet. Seine Mühle; er ist stolz wie Oskar und freut sich, dass sie uns so gut gefällt.

Wassermühle in Nderlysaj, Theth, Albanien. Sommer 2016.

Wassermühle mit ihrem Besitzer

Wo wir hinwollen, fragt er uns. “Syri i kalter“, antworte ich, zum Blauen Auge. Er deutet uns an, mitzukommen. Den Bulli sollen wir einfach hier mitten im Weg stehen lassen. Ich suche dennoch einen Platz unter einem der zahllosen Obstbäume, denn die Sonne ist inzwischen zu Hochform aufgelaufen.

Bewässerungssystem in Nderlysaj, Theth, Albanien

Ausgeklügeltes, altertümliches Bewässerungssystem

Entlang von alten, aus Stein gebauten Bewässerungssystemen, über Weidezäune, vorbei an Schaf-, Kuh- und Ziegenherden führt uns unser neuer Guide querfeldein durch das kleine Dorf.

Das Dorf Nderlysaj, Theth, Albanien 2016

Das Dorf Nderlysaj

Den Weg hätten wir alleine niemals gefunden. Eigentlich ist es auch kein Weg, sondern eine Abkürzung querfeldein nach der Nächsten. Der Mann kennt sich hier aus.

Didi Wöhrmann und die Ziegen. Nderlysaj, Albanien 2016

Begegnung mit neugierigen Dorfbewohnern

Irgendwann erreichen wir eine steile Piste. Hier wäre vermutlich die Straße gewesen; wir waren also an der Mühle vollkommen falsch. Steil steigt der jetzt wirklich nur noch einen halben Meter breite Trampelpfad an, tief unter uns in einer Schlucht hören wir einen Fluss rauschen. Sehen können wir ihn nicht, zu tief und zu eng ist die Schlucht.

Auf dem Weg zum Syri i kalter, Nderlysaj, Theth, Albanien

Blick zurück ins Tal der Shala

Ab und an begegnen uns auf der knappen Stunde Fußmarsch andere Wanderer. Franzosen, Engländer, Italiener – hauptsächlich Touristen. Nein, weit sei es nicht mehr. Und ja, unheimlich schön. Immerhin sind wir auf dem richtigen Weg. Unser 80-Jähriger Guide legt einen flotten Schritt vor, wir haben Probleme, das Tempo mitzuhalten. In der Ferne erscheinen bald zwei große bewohnte Häuser – eine Stunde beschwerlichen Fußweg von der nächsten mit einem Fahrzeug befahrbaren Piste entfernt.

Wohnhäuser im Shala-Tal, weit ab jeglicher Straße.

Weit abseits der nächsten Straße: Wohnhäuser im Shala-Tal

Nach einer knappen Stunde kündet ein selbstgebasteltes Holzschild von einem Gasthaus. Das Letzte, was wir an diesem abgelegenen Ort vermutet hätten. Wir folgen jedoch dem Weg nach unten zum Syri i kalter.

Bar Restorant Guest House Syri i kalter

Niemand braucht hier verhungern oder verdursten

Über eine Holzleiter steigen wir hinab in ein kleines, schmales Tal. Und da liegt es vor uns, smaragdgrün leuchtend. Das “Blue Eye”, das “Blaue Auge” von Theth. Die Farbe ist wirklich einmalig, eine kleine Holzplattform mit Sitzgelegenheiten überthront den kleinen See.

Syri i kalter, das Blaue Auge von Theth

Syri i kalter, das Blaue Auge von Theth

Wir sind nicht die einzigen Besucher dort. Am schmalen Rand des etwa 50 Meter im Durchmesser messenden Sees tummeln sich rund 50 Menschen. Viele Touristen, aber auch die beiden Jungs vom Fußballspiel gestern treffen wir dort wieder an.

Didi am blauen Auge von Theth. Syri i kalter, Albanien 2016

Syri i kalter

Das Wasser verlockt zum Schwimmen, leider habe ich keine Badehose dabei. Beim Anfassen bereits schauert es mich jedoch: Das Wasser dürfte im unteren einstelligen Temperaturbereich liegen. Es schwimmt kaum einer, ganz Wagemutige trauen sich, die Beine in den See zu halten. Es ist einfach zu kalt.

Tief blau schimmert das Blaue Auge. Wasserfall am syri i kalter, Theth, Albanien

Tief blau schimmert das Blaue Auge.

Aus einem im eiskalten Wasser gelagerten Eimer verkauft jemand kalte Getränke. 200,-LEK für ein Ivi, eine super leckere Pfirsichbrause. Und sie ist eiskalt. Der Müll wird in großen blauen Säcken entsorgt, auch hier achtet man wie an vielen Stellen des Landes sehr darauf, dass kein Müll in der Natur zurückbleibt.

Restaurant im Baumhaus, Blaues Auge von Theth, Albanien 2016

Baumhausrestaurant

Oberhalb des Blauen Auges befindet sich ein kleines Restaurant, welches über eine Art Holzleiter mit gefühlt hundert Stufen erreichbar ist. Wie in einem Baumhaus hängen kleine Holzplattformen mit Tischen und Bänken in den Bäumen oberhalb des Blue Eye. Ein Stück Paradies hier, so weit weg von jeglicher Hektik und Stress einer Großstadt, so weit weg vom Alltag, wie wir ihn kennen.

Gute eineinhalb Stunden verbringen wir an diesem einmaligen Flecken Erde. Wir essen eine Kleinigkeit und laden unseren Tourguide zum Essen und Trinken ein. Anfangs ist ihm das sichtlich unangenehm, aber schmecken tut es ihm dann doch ausgezeichnet.

Auf dem Hinweg hatten wir bereits eine kleine, improvisierte Badestelle erblickt. Mit Plastikfolie und Sandsäcken haben Einheimische einen kleinen Fluss aufgestaut. Wir wollen dort hin, vielleicht kann man dort ja baden. Ein paar Familien – hauptsächlich Einheimische – tummeln sich hier, vereinzelt schwimmen Leute in dem kristallklaren türkisen Wasser. Zehn Grad, vielleicht zwölf gebe ich ihm. Trotz inzwischen 30 Grad in der Sonne ist und bleibt mir das zu kalt.

Improvisierte Badestelle am Shala-Fluss, Nderlysaj, Theth, Albanien

Improvisierte Badestelle

Den Rückweg treten wir durch einen kleinen Canyon an. Durch ein breites, ausgetrocknetes Flussbett erreichen wir die Ruine der alten Schule. Hier hätten wir also parken sollen. Vermutlich wäre der Weg durch das Gebüsch der Richtige gewesen, aber dann hätten wir unseren tollen Guide niemals kennengelernt.

Alte Schule in Nderlysaj, Albanien, Sommer 2016

Die alte Schule. Ab hier beginnt der Fußweg zum Syri i kalter.

Quer durch das Dorf geht es zurück zum Didimobil. Dem alten Mann gehören mehrere Häuser in dem Dorf, er ist derzeit dabei, einige zu reparieren, um sie eventuell später an Touristen zu vermieten. Wir sehen viele Felder, hauptsächlich Mais, aber auch anderes Gemüse und Obst. Das gehöre alles ihm, lässt er uns wissen, und schaut rundum glücklich und zufrieden aus.

Improvisierter Strommast, Nderlysaj, Albanien

Stromversorgung

Maisfeld in Nderlysaj, Albanien

Der Mais gedeiht

Das Didimobil steht gleich neben seinem Haus. Wir müssen noch mitkommen, es gibt selbstgebrannten Raki und Tee. Sein Sohn kommt dazu, er spricht ein wenig Englisch. Nach fünf Stunden können wir uns das erste Mal mit dem tollen Senior nicht nur mit Händen und Füßen unterhalten. Er lebt schon sein ganzes Leben hier in der Abgeschiedenheit, nur im Winter zieht er in die Stadt wie so viele Albaner, die in dieser abgeschiedenen Gegend leben.

Es ist gegen 17 Uhr, als wir uns verabschieden. Wir müssen noch zurück nach Theth und wissen noch nicht, ob das Didimobil die steinige Steigung hinaufkommen wird. Den Wasserfall sollen wir uns aber unbedingt noch anschauen. Kaum sitzen wir im Didimobil und starten den Motor, hält der Sohn uns an. Sein Vater wolle unbedingt mitkommen, er möchte uns den Wasserfall zeigen. Wir können ihn nicht zurückbringen, das schaffen wir zeitlich nicht und im Dunkeln wollen wir auf keinen Fall über die Piste fahren. Kein Problem, er läuft den Weg zu Fuß zurück, er kennt den Weg auch im Dunkeln.

Wasserfall in der Nähe von Theth, Albanien

Erfrischender Wasserfall

Unser Lakritzschnaps im Didimobil schmeckt ihm ausgezeichnet, und zu fünft geht es im Didimobil zurück gen Theth. Unterwegs nehmen wir noch einen Amerikaner mit, der zu Fuß nach Theth unterwegs ist. Mit sechs Mann im Auto stellt uns der steile Abschnitt tatsächlich vor ein Problem. Aber dank der vielen Mitfahrer gelingt es uns, das Didimobil mit vereinten Kräften den kurzen Berg hinaufzuschieben. Glück gehabt.

Auf etwa halbem Weg bis Theth zweigt ein Fußweg zum Wasserfall ab. Wir lassen das Didimobil an der Straße stehen, verabschieden uns von dem Amerikaner und unserem Weltenbummler und machen uns mit unserem Fremdenführer auf den Weg zum Wasserfall.

Für Touristen und Einheimische ein Pilgerort: Wasserfall von Theth

Für Touristen und Einheimische ein Pilgerort: Wasserfall von Theth

Etwa 20 Minuten dauert der Fußmarsch hinauf zum Wasserfall, ohne die Hilfe unseres neuen Freundes hätten wir ihn ebenfalls nicht gefunden. Schilder sind nach wie vor Fehlanzeige.
Die letzten Sonnenstrahlen des Tages erreichen das kleine Plateau vor dem imposanten Wasserfall, viele Einheimische und Touristen gleichermaßen erfrischen sich an der Kühle der Gischt im letzten Sonnenlicht.

Es wird Nacht in den Albanischen Alpen, Theth, 2016

Die Nacht bricht schnell herein in den tiefen Tälern der albanischen Alpen.

Am Didimobil verabschieden wir uns von unserem Fremdenführer und machen uns auf den Weg zurück nach Theth. Die beiden Erfurter wollen noch eine runde duschen, und so verabreden wir uns um 20 Uhr zum Abendessen in ihrem Gasthaus.

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