Cornwall 2017 – Teil 4

Welch eine Nacht, welch ein Sturm, welch ein Regen

Freitag, 21.07.2017

Über Nacht schlug das gefürchtete englische Wetter das erste Mal auf einer der bislang fünf Didimobil-Touren auf die Insel mit aller Erbarmungslosigkeit zu. Und ans Aufhören scheint es heute morgen nicht ansatzweise zu denken. Der Engländer verkneift sich bereits seit einer Stunde den Toilettengang; als es aussieht, als würde es kurzzeitig aufhören, macht er sich dennoch auf den Weg. Ein fataler Fehler, fängt es doch keine halbe Minute später an, noch erbarmungsloser als bisher den halben Ozean über uns auszuleeren. Ich bleibe im Didimobil; ich habe Durst und muss eigentlich auch auf die Toilette. Beides verkneife ich mir aus kausalen Gründen.

Bestes englisches Wetter

Nach einer Stunde lässt der Regen langsam nach, der Engländer ist noch nicht wieder aufgetaucht. Ich vermute ihn am WiFi-Hotspot. Hier stehen ein paar Sofas um eine Feuerstelle und sind überdacht. Und tatsächlich finde ich ihn dort – zusammen mit einem Dutzend fast ausschließlich deutschen Wandertouristen, die sich seit Stunden nicht trauen, endlich loszuwandern. 😉

Eine weitere Nacht hat der Engländer für uns schon auf diesem ansonsten paradiesischen Campingplatz reserviert, heute Abend soll es Livemusik am Lagerfeuer geben. Losfahren wollen wir beide nicht, hätte bei diesem Wetter auch keinen Sinn. “Um 12 kommt die Sonne”, sagt der herzliche Platzbetreiber, doch die Zeitzone nennt er nicht dazu. Immerhin wird der Regen weniger. Wir beschließen zu duschen und im nahegelegenen Pub im Ort etwas zu Essen zu suchen. Anschließend bleibt endlich Zeit, dem “Sohn” die Postkarte zu schreiben; nicht, dass wir vor ihr wieder zurück in Hamburg sind.

Lizard Point Leuchtturm

Gegen 14 Uhr lässt der Regen tatsächlich nach, die dunklen Wolken stehen allerdings noch immer tief am Himmel. Zu Fuß sind es zehn Minuten bis zum Lizard Point, dem südlichsten Punkt Englands. Falls es wieder anfangen sollte zu regnen, gibt es dort ein Café. Trockenen Fußes kommen wir bis zum Lizard Point Lighthouse, dem südlichsten Leuchtturm der Insel. Besichtigen können wir ihn nicht, er hat freitags und samstags geschlossen. Selbst meinem Engländer erschließt sich der Sinn dieser Öffnungszeiten nicht.

Café und Touristenshops am südlichsten Punkt Englands.

Lizard Point, südlichster Punkt Englands

Wir gehen weiter zum Lizard Point. Ein gutes Dutzend wieder überwiegend deutscher Touristen halten Ausschau nach Seehunden, Schweinswalen oder sonstigem Getier in der aufgewühlten See, ein kleiner Weg führt hinunter zu einer alten Seenotrettungsstation. Kaum angekommen, fängt es erneut an zu regnen, und wir flüchten uns in das kleine und ziemlich volle Café, wo wir prompt mit Deutschen ins Gespräch kommen – allerdings auf Englisch.

Rauhe See am Lizard Point

Alte Seenotrettungsstation am Lizard Point

Nach einem leckeren Pott Kaffee und einem roten Wackelpudding mit Schoko(!)sauce kommt dann tatsächlich die Sonne raus. Blauer Himmel über Cornwall. Das deutsche Päärchen ist bereits wieder auf dem Weg Richtung St. Michael’s Mount, wo wir bereits gestern waren. Wir überlegen, zur Kynance Cove zu wandern. Das deutsche Google Maps sagt drei Kilometer, die englische Variante fünf. Wir entscheiden uns, lieber das Didimobil zu holen, für den Fall, dass es wieder anfängt zu regnen.

Lizard

Lizard

Das Didimobil muss heute doch noch einmal los

Oberhalb der Steilküste von Kynance Cove befindet sich ein gebührenpflichtiger Parkplatz. Fünf Pfund möchte der Parkautomat in Münzen haben – wir kommen maximal auf drei. Da es keinerlei andere Bezahlmöglichkeiten gibt, legen wir einen Zettel ins Auto und beschweren uns darüber. Wenn wir Deutschen eins können, dann meckern. Aber immerhin haben wir es den gierigen Engländern so nicht nur gezeigt, sondern auch kostenlos geparkt. 😉

Kynance Cove mit Café

Kynance Cove

Wir wandern einmal hinunter zum Café und genießen die noch immer relativ rauhe See. Hunger haben wir keinen, und der Kaffee vom Lizard Point hält ebenfalls noch vor. Nach einer guten Stunde machen wir uns wieder auf den Weg zurück zu Henry’s Campsite und chillen bis zum Abend. Rund um ein kleines, überdachtes Lagerfeuer hat der Besitzer ein kleines Theater aus zwei Steintribünen gebaut, und eine Zwei-Mann-Combo spielt bis spät in die Nacht hinein chillige Lagerfeuermusik. Dazu gibt es leckeren Cider aus der Region. Hach, geht es uns gut hier. ♥

Immer diese Pinneberger Massentouristen. 😉 :O

Hamburg-Blankenese in England

Samstag, 22.07.2017

Der gestrige Abend hatte es ganz schön in sich. So klasse die Stimmung auch war und so lecker der Cider schmeckte, desto größer sind die Nachwehen am heutigen Morgen. Aua. :/
Das Wetter tut sein Übriges dazu. Um 12 müssen wir den bislang schönsten und einmaligsten Campingplatz aller Didimobil-Touren verlassen, wir reizen die Zeit bis zum bitteren Ende aus. Als wir fahren, beginnt es erneut sintflutartig zu regnen.

Rapunzel?

Heutiges Etappenziel soll der kleine Fischerort Polperro sein. Knapp 100 Kilometer sind es über kleine Nebenstraßen, etwas weiter über die ausgebaute Bundesstraße. Wir hoffen noch immer darauf, dass der Regen aufhört und entscheiden uns auch oder gerade wegen eines langen Verkehrsstaus auf der Bundesstraße, über die Nebenstraßen auszuweichen.

King Harry Fähre

Mit der King Harry Ferry setzen wir von Feock nach Philleigh über den River Fal über. Diese an Ketten gezogene Seilfähre existiert an dieser Stelle bereits seit 1888 und gehört laut dem “Independent” zu den zehn schönsten Fährfahrten der Welt. Schön – wenn auch kurz – ist die Überfahrt tatsächlich, aber ob sie es unter meine persönlichen Top10 schaffen würde, bleibt fraglich. 😉

Oh Captain, my Captain!

Blick zurück auf den Anleger in Feock

Zwischenzeitlich lässt der Regen ab und an nach, und es erscheinen immer wieder blaue Flecken am Himmel. Vielleicht eine gute Idee, die langsamere Route über die Nebenstraßen zu nehmen. Vom historischen Ort Fowey aus geht es erneut mit einer kleinen Fähre an das andere Ufer des Fowey River nach Bodinnick, von wo es nur noch wenige Kilometer bis zu unserem Ziel nach Polperro sind.

Bodinnick Ferry

Historische Stadt Fowley

Polperro ist autofrei, am Ortsanfang befindet sich ein sehr teurer, gebührenpflichtiger Großparkplatz. Wenn Engländer in einer Sache Spitzenreiter sind, dann im Abzocken von Touristen.

Als wir ankommen, scheint die Sonne, kurz nach dem Parkscheinziehen erscheint wie auf Bestellung eine große dunkle Wolke und beginnt zu allem Übel zu regnen. Zum Glück steht direkt gegenüber am Beginn der Dorfstraße ein einladender Pub, in welchem wir auch gleich sehr lecker zu Mittag essen.

Meist im er zur Stelle, wenn man ihn braucht: Ein Pub. 🙂

Nach dem Essen scheint sich die graue Wolke wieder verzogen zu haben, und so können wir die Erkundung des kleinen Ortes bei Sonnenschein in Angriff nehmen. Die schmalen Gassen und weißen Häuser am Berghang erinnern unweigerlich an den heimatlichen Hamburger Stadtteil Blankenese. Das Hochwasser hat sich im Laufe unserer Woche zeitlich weiter nach hinten verlagert, und so haben wir das Glück, dass die Boote im Hafen fotogen im Wasser schwimmen.

Dorfstraße zum Hafen

Der Hafen von Polperro

Polperro

Fischerboote im Hafen von Polperro

Erinnert an Hamburg-Blankenese: Polperro

Polperro

Polperro

Polperro

Zwei Stunden lang erkunden wir den sehr sehenswerten Ort, der auf keiner Cornwall-Reise fehlen sollte. Gegen 17 Uhr machen wir uns wieder auf den Weg, der Engläner entdeckt auf Google Maps einen Campingplatz ganz in der Nähe. Mir sagt er eigentlich vom Bauchgefühl her nicht so zu, trotzdem lasse ich mich gerne darauf ein und wir beschließen, ihn uns einmal anzuschauen.

Looe

Angekommen auf der Bay View Farm oberhalb von Looe mit einem phantastischen Blick auf die Bucht und den Ort bin ich dann doch hellauf begeistert. 25,-£ die Nacht, sehr abschüssiges Gelände, aber der Blick entschädigt für alles. Leider gibt es hier oben keinen Pub, und so bestellen wir uns bei einem örtlichen China-Lieferservice sehr leckeres chinesisches Essen. Leider verkauft der Laden kein Bier, und so müssen wir den ersten Abend auf der Tour ohne Bier, Pimm’s oder Cider auskommen. Der Blick auf die Küste und der überwältigende Sternenhimmel entschädigen dafür mehr als genug.

Blick auf Looe

Leicht abschüssig, aber unverbaubarer Blick auf der Bay View Farm

Der lange Weg nach Hause

Sonntag, 23.07.2017

Um halb elf machen wir uns heute auf den Weg nach Harwich. Gute 500 Kilometer sind es, morgen früh um neun legt die Fähre nach Hoek van Holland ab. Der Engländer hat sich unterwegs entschieden, mich nach Hamburg zu begleiten und damit die erste nottingHAMburg-Didimobil-Tour auch wirklich international zu machen. Der “Sohn” hat am Mittwoch Geburtstag, letztes Jahr haben wir bereits gemeinsam in Hamburg gefeiert und zwei kleine Touren u.a. mit dem Didimobil unternommen.

Um halb elf starten wir auf die lange Tour, Sightseeing-Pausen soll es keine geben. Wir hoffen, gegen 18 Uhr in Harwich zu sein.

Nicht nur in Deutschland gibt es seltsame Ortsnamen… 😉

Bis nach Exeter geht die Fahrt über die Bundesstraße A38, bei Plymouth queren wir den Tamar River über die Tamar Bridge. Bis in die 1950er Jahre war hier eine Fähre die einzige Möglichkeit, die Grenze zwischen Cornwall und Devon zu überqueren. Der Cornwall-Urlaub ist mit dem Überqueren der Brücke faktisch vorbei.

Tamar Bridge, Grenze zwischen Cornwall und Devon

Mit ein paar Pinkel- und Essenspausen erreichen wir gegen 19 Uhr Harwich. Der Pub mit dem Campingplatz vom Hinweg hat bereits geschlossen. Da wir auf der Fähre eine Kabine mit Dusche haben, beschließen wir, die letzte Nacht bei dem Bauern vom April zu verbringen. Wir werden wiedererkannt, ein freudiges Pläuschchen. Wir parken das Didimobil, bezahlen die 10,-£ und machen uns zu Fuß auf den Weg in den nahegelegenen Pub.

Die Hansestadt ruft

Montag, 24.07.2017

Der Wecker klingelt um viertel nach sieben, Check-In endet um 8:15 und Didi möchte noch das letzte englische Geld im Supermarkt anlegen. Zwei Paletten Cider sind bereits bestellt worden, eine Packung brauche ich selber und der Pimm’s ist auch bereits zur Neige gegangen. Zusammen bezahle ich genau 51,-£, exakt den Betrag, den ich noch in britischem Geld bei mir habe. Punktlandung. 😉

Der Check-In verläuft gewohnt unkompliziert, der eher gelangweilte Zöllner wittert hingegen den großen Fang: Das erste Mal seit vier Besuchen auf der Insel möchte er einen Blick in das Didimobil werfen und sich den Inhalt der Schränke genauer ansehen. Auch zur Leibesvisitation müssen wir antreten. Liegt alles nur am Engländer, ein wenig verwirrt schaut der Zöllner noch immer ob der Multinationalität der Insassen und etwas traurig, nicht den großen Fang gemacht zu haben. Wir fahren weiter zu Reihe acht und warten auf das Boarding.

Offshore-Windpark

Hochbetrieb auf der Nordsee

Die Überfahrt verläuft unspektakulär. Wir frühstücken lecker, der Engländer nutzt anfangs die Zeit, um in der Kabine fernzusehen, ich lege mich zum Ende der Überfahrt noch ein wenig aufs Ohr. Wie jedes Mal hat sich der Engländer bei dem “Sohn” und seiner Mutter etwas außerhalb von Hamburg einquartiert, er kann es gar nicht erwarten, nach Hamburg zu kommen. Heute abend würden die Beiden ihn von meinem Zuhause abholen, und so bittet und bettelt er, dass wir ohne weitere Übernachtung die gut 500 Kilometer bis nach Hamburg fahren.

Jetzt ist der Urlaub endgültig vorbei: Grenzgiraffe

Um 17:15 verlassen wir pünktlich die Fähre, ich rechne mit einer Ankunftszeit in Hamburg zwischen 1 und 1:30 in der Nacht. Nach guten drei Stunden Fahrt ist bereits die Grenzgiraffe erreicht, mit nur zwei kurzen Pinkelpausen erreichen wir Hamburg bereits um 23:45.

Die erste internationale nottingHAMburg-Tour ist vorbei. Der Engländer wird bis Freitag in Hamburg bleiben, dann ist auch für ihn der Urlaub Vergangenheit.

Wohin die nächste Didimobil-Tour gehen wird, steht noch in den Sternen. Ideen jedenfalls gibt es genug. 🙂

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