Albanien 2018 – Teil 4

Bezauberndes Bosnien

Sonntag, 22.07.2018

Herrjeh, ist das heiss. Um kurz nach sieben bruzzelt mich die Sonne erneut aus dem Bett, viel kühler ist es weder unten, noch draussen. Interessanter Weise ist die Fritz Orange im Kühlschrank einigermaßen kühl, obwohl der Kühlschrank mangels Strom seit rund 36 Stunden nicht mehr kühlt.

Eine Dusche gibt es heute Morgen nicht; ich setze mich in meine “Lounge” (umgedrehter Beifahrersitz 😉 ) und schaue mir eine interessante Route für den heutigen Tag aus.

cof

140 Kilometer oder 2,5 Stunden schlägt Google nach Mostar in Bosnien und Herzegowina vor, einer Stadt, die schon länger auf meiner “To Do”-Liste steht. Anstatt diese Liste immer weiter zu erweitern, könnte ich heute einen Punkt von der Liste abarbeiten. Es ist acht Uhr, als ich Stobreč verlasse. Die Straße Richtung Mostar führt direkt weg von der Küste in das bergige Landesinnere, das Didimobil quält sich die steile Straße den Berg hinauf.

Katholische Kapelle "St. Georg"

Katholische Kapelle “St. Georg”

Nach einer halben Stunde erreiche ich einen Aussichtspunkt, an dem sich eine katholische Kapelle befindet. Von hier hat man einen phantastischen Blick über die Mündung der Cetina ins Mittelmeer, die sich hier einen Weg tief in den Fels geschnitten hat. Generell soll die 100 Kilometer lange Cetina viele sehenswerte Schluchten und Canyons durchqueren. Vielleicht noch etwas für die Liste, sodass ich doch noch einmal in die Region um Split zurückkehren muss?

Cetina-Mündung bei  Omiš

Cetina-Mündung bei Omiš

Die Straße windet sich weiter den Berg hinauf. So ganz wohl ist mir dabei allerdings nicht, denn bereits nach der letzten Bremsenerneuerung des Didimobils vor der Schottland-Tour hatte ich das Gefühl, dass die Bremsen wesentlich schlechter geworden sind, was sich auf dem Weg durch Österreich bereits massiv bemerkbar machte, und auch die Handbremse zeigt nicht mehr die Wirkung, die sie eigentlich haben sollte.

Panorama-Straße D70

Panorama-Straße D70

Vielleicht bleibe ich die Nacht in Bosnien, dann suche ich mir dort eine Werkstatt, die sich um die Bremsen kümmern kann. Schließlich ist Bosnien das Land mit der gefühlt höchsten VW T3-Dichte zumindest in Europa.

Eine gute Stunde später erreiche ich die kroatisch-bosnische Grenze. Vor mir ist kein anderes Fahrzeug, ich komme sofort dran. Kurze Sichtkontrolle von Fahrzeugschein und grüner Versicherungskarte und kurzes Einscannen des Personalausweises – nach nicht mal einer Minute wünscht mir der freundliche Grenzer eine gute Fahrt und schon habe ich die EU verlassen. Das war mal wieder so unkompliziert, wie es eigentlich immer sein sollte.

Willkommen in Bosnien und Herzegowina

Willkommen in Bosnien und Herzegowina

Nach einer weiteren ereignislosen Stunde Fahrt erreiche ich die Stadtgrenze von Mostar. Was mich hier erwartet, weiss ich eigentlich gar nicht genau, mein Ziel ist die bekannte osmanische Brücke, die während des Bosnienkrieges nicht nur stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, sondern komplett zerstört und mit Hilfe von Spendengeldern später wieder originagetreu aufgebaut wurde. Heute gehört die Brücke – und wie ich noch erfahren werde die angrenzende Altstadt – völlig zu recht zum UNESCO Weltkulturerbe.

Straße in Mostar

Straße in Mostar

Ich folge der Ausschilderung ins Zentrum, wo dann auch die bekannte Brücke ausgeschildert ist. Dem Wegweiser folgend lande ich in einer Sackgasse, die als kostenpflichtiger, bewachter Parkplatz genutzt wird. Ein Plätzchen für das Didimobil ist noch frei, die Brücke keine 200 Meter entfernt. Das lässt sich der Parkplatzwächter stattlich bezahlen, 100 kroatische Kuna möchte er haben. Erst später wird mir klar, dass das weit über 10,-€ entspricht. Egal, ich wäre das kroatische Geld sowieso nirgends mehr losgeworden. Dafür kann ich getrost die Fenster geöffnet lassen, draussen sind inzwischen 36 Grad.

Altstadt von Mostar

Altstadt von Mostar

Keine 100 Meter vom Didimobil beginnt die Altstadt von Mostar. Abgesehen von den nicht unerheblichen Massen an Touristen finde ich mich mitten auf einem persischen Basar wieder. Die Gebäude, die Händler, die Gerüche und die Geräusche. Ich war noch nie in Persien, aber genau so stelle ich es mir dort vor. Ich bin von der ersten Minute an fasziniert von diesem Stückchen Orient mitten in Europa.

Einer von vielen kleinen Händlern in Mostar

Einer von vielen kleinen Händlern in Mostar

Kleine Läden und Cafés säumen die schmale Kopfsteinpflastergasse zur weltbekannten Brücke, Menschenmassen wuseln durch die Gegend, aber es ist nicht so unangenehm wie z.B. in Prag. Hier passt das sogar irgendwie.

Gasse in Mostar

Gasse in Mostar

An der Brücke ist ein Menschenauflauf, sogar ein Fernsehteam befindet sich oben auf dem Bogen. Mit einem Klingelbeutel wird Geld gesammelt für einen der bekannten waghalsigen Brückenspringer von Mostar. Es ist eine Mutprobe und hier noch nicht durch einen EU-Reglementierungswahn verboten, sich von der Brücke 19 Meter in die vermutlich ziemlich kalte Neretva zu stürzen. Ein kleines Schlauchboot schwimmt unterhalb der Brücke, um die Wagemutigen wieder an Land zu bringen.

Stari Most, die alte Brücke von Mostar

UNESCO Weltkulturerbe Stari Most, die alte Brücke von Mostar

Ich schaue mir das Schauspiel vom Flussufer aus an, es ist ein ganz schön langer freier Fall, bis die Springer unten in der Neretva landen. Alle heutigen Springer werden putzmunter und erfrischt unter tosendem Applaus der Zuschauer aus dem türkis-grün schimmernden Fluss gefischt.

Ich schlendere zurück und überquere die Brücke, von der man einen herrlichen Blick auf die sich zu beiden Seiten erstreckende Altstadt hat. Gleichzeitig überquere ich allerdings auch eine noch immer in den Köpfen fest verankerte ethnische Grenze: Von der kroatischen Westseite der Stadt in die bosniakische Ostseite. In einem Gespräch mit einem Einheimischen wird mir deutlich, dass eine Annäherung der beiden verfeindeten Volksgruppen auch heute, fast 25 Jahre nach Kriegsende, ein noch sehr lange andauernder Prozess sein wird.

Blick von der Brücke auf den bosniakischen Ostteil Mostars

Blick von der Brücke auf den bosniakischen Ostteil Mostars

Stari Most, Blick auf den kroatischen Westteil Mostars

Stari Most, Blick auf den kroatischen Westteil Mostars

Auch auf der Ostseite schließen sich kleine Gassen mit orientalischem Trödel an die Brücke an, auch hier duftet es wohlig nach fremden Gewürzen. Lampen, Kupferschmuck, Touristennepp – es gibt alles, was das Herz begehrt zu tatsächlich moderaten Preisen.

Lampen und Touristennepp in den Gassen von Mostar

Lampen und Touristennepp in den Gassen von Mostar

Altstadt Mostar

Altstadt Mostar

Blick nach Süden auf die Stari Most

Blick nach Süden auf die Stari Most

Mostar

Mostar

Bevor der osmanische Architekt Mimar Hayreddin die Stari Most in den Jahren 1556 – 1566 errichtete, soll er einer Legende zufolge den Bau an einer baugleichen Miniatur ausgetestet haben. Die Kriva Ćuprija, die “krumme Brücke“, befindet sich nur 100 Meter westlich der Stari Most und überspannt den kleinen Bach Radobolja.

Kriva Ćuprija

Kriva Ćuprija

Ich esse noch eine Kleinigkeit zum Mittag und genehmige mir einen türkischen Kaffee, bevor ich mich zweieinhalb Stunden später wieder auf den Weg mache. Rund zehn Kilometer südöstlich von Mostar liegt der kleine Ort Blagaj. Bekannt ist Blagaj für die Quelle des Flusses Buna (Vrelo Bune), die stärkste Karstquelle von Bosnien und Herzegowina und eine der Mächtigsten Europas. Ihren Ursprung hat sie in einer Höhle, neben welcher ein türkischer Sultan im 18. Jahrhundert ein Derwisch-Kloster errichten ließ.

Restaurants säumen den Anfang der Buna

Restaurants säumen den Anfang der Buna

Heute sind das Derwisch-Kloster und die Buna-Quelle eine bekannte Touristenattraktion, zahllose Restaurants säumen die Ufer der jungen Buna, und es werden Bootsfahrten in die Höhle angeboten.

Tekke des Derwisch-Klosters, Blagaj

Tekke des Derwisch-Klosters, Blagaj

In Blagaj gibt es zwei Campingplätze. Da es jedoch erst 15 Uhr ist entscheide ich mich dazu, noch ein Stückchen weiter Richtung Montenegro zu fahren. Laut Google sind es 150 Kilometer bis nach Nikšić, drei Stunden veranschlagt der Alleswisser. Südlich von Nikšić soll es zwei Campingplätze in der Nähe des Klosters Ostrog geben, welches ich mir dann morgen anschauen könnte.

Viele Straßen bieten herrliche Ausblicke auf die weiten Talebenen

Viele Straßen bieten herrliche Ausblicke auf die weiten Talebenen

Nachdem ich nach rund zehn Minuten aufgeregt von einem Anwohner angehalten werde und er mir auf bosnisch versichert, dass die Straße, die Google mir vorschlägt, nicht zielführend sei und ich um Himmels Willen die Bundesstraße nehmen solle, fahre ich zurück nach Blagaj und von dort aus über die M6.1 Richtung Gacko. Unterwegs passiere ich noch eine alte Burg(ruine), die leider für mich unerreichbar auf der anderen Seite eines tiefen Taleinschnittes liegt.

Burg(ruine) bei Blagaj

Burg(ruine) bei Blagaj

Durch die Industriestadt Gacko komme ich gut beschirmt, jedenfall hat jemand eine Menge bunte Regenschirme zum Trocknen über die Straße gehängt. Erinnert ein wenig an Passau vor drei Jahren. 😉

Gut beschirmt durch Gacko, BiH

Gut beschirmt durch Gacko, BiH

Kurz hinter Gacko sagt Google mir, ich solle links abbiegen, ein alter Wegweiser macht den Eindruck, als hätte jemand das Wort Nikšić entfernen wollen. Ich denke mir nichts dabei und fahre über die kleine Landstraße die 15 Kilometer bis zur Grenze. An dem kleinen Grenzposten angekommen, tritt ein gut gelaunter bosnischer Grenzbeamter aus seinem Häuschen und kommt zum Didimobil, während ich bereits meine Unterlagen zusammensuche. Er findet es toll, dass ich mich als Deutscher hier her verirre und erzählt mir, er würde mich liebend gerne durchlassen, aber die Montenegriner hätten diese Grenze zu einer Grenze ausschließlich für Einheimische gemacht und würden keine Personen aus Drittstaaten passieren lassen.

Idyllische Grenze zwischen Bosnien und Montenegro nur für Einheimische

Idyllische Grenze zwischen Bosnien und Montenegro nur für Einheimische

Montenegro befindet sich mitten in den Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union, hat aber keine Lust, Europäer an seinen Grenzen abzufertigen. Der bosnische Grenzer versteht mich voll und ganz, und ich kaufe ihm ab, dass es ihm unheimlich leid tut. Der nächste Grenzübergang, an dem die Montenegriner auch Ausländer akzeptieren, befindet sich gute 60 Kilometer und über eine Stunde Fahrzeit weiter im Süden bei Bileća. Beim Warten an der Grenzabfertigung merke ich, dass meine Handbremse inzwischen komplett den Geist aufgegeben hat. Morgen muss ich da dringend etwas dran machen lassen.

Inklusive Wartezeit wegen langsamer Abfertigung auf montenegrinischer Seite bin ich ziemlich genau 1,5 Stunden später in Montenegro.

Bosnisch-montenegrinische "internationale" Grenze bei Bileća

Bosnisch-montenegrinische “internationale” Grenze bei Bileća

Ich bin leicht angefressen, der Umweg beträgt insgesamt gute 80 Kilometer und knapp zwei Stunden Fahrzeit inklusive Wartezeit an der Grenze. Die grandiose Landschaft Montenegros entschädigt dafür etwas, auch wenn ich einige Gegenden bereits von meinem letzten Roadtrip 2016 her kenne.

Slansko Wasserreservoir bei Nikšić

Slansko Wasserreservoir bei Nikšić

Nikšić erreiche ich um kurz nach 19 Uhr, der Campingplatz und das Kloster liegen eine gute halbe Stunde weiter südlich. Nach 20 Kilometern verlasse ich die Schnellstraße und befinde mich auf der schmalen Bergstraße hinauf zum Kloster. Je höher man hier kommt, desto grandioser sind die Ausblicke.

Abendstimmung auf der Straße zum Kloster Ostrog, MNE

Abendstimmung auf der Straße zum Kloster Ostrog, MNE

Ich erreiche den Parkplatz vom Kloster, von hier zweigt eine noch kleinere Straße noch weiter nach oben ab. Da es langsam dunkel wird, suche ich erst einmal den von Google empfohlenen und eingezeichneten Campingplatz.

Unbekannte Kirche in der Nähe von Ostrog

Unbekannte Kirche in der Nähe von Ostrog

Der Campingplatz entpuppt sich vor Ort leider als nicht existent. Dort, wo Google mich hingelotst hat, klemmt die Straße zwischen Felswand und Abgrund, und weit und breit kein Hinweis auf einen Campingplatz. Ich befrage Google nach dem anderen Campingplatz. Sehr idyllisch mit sehr herzlichen Betreibern, lautet die Bewertung, 15 Kilometer weiter der Straße folgen.

Hier ist definitiv kein Campingplatz

Hier ist definitiv kein Campingplatz

Auch der zweite Platz erweist sich als nicht existent. Inzwischen wird es langsam dunkel, aufgrund der Erfahrung von vor zwei Jahren wird es aussichtslos sein, an der Bucht von Kotor um diese Zeit ein freies Plätzchen zu ergattern. Ich fahre Richtung Podgorica, eine Brücke wird erneuert und der Verkehr über eine einspurige Behelfsbrücke mit Ampelregelung geleitet. Leider wird erst weit nach der Ampel direkt vor der Brücke eine Höhenbeschränkung von 2,1m angezeigt, das Didimobil passt da nicht durch. Ich fahre zur Seite, ein Einheimischer hinter mir deutet mir, dennoch weiterzufahren. Ich mache ihm mein Problem klar: “Keine Sorge, das passt!”

Natürlich passt es nicht. Am Ende der einspurigen Behelfsbrücke ist ein Metallbalken in rund 2,50 Metern Höhe an einem Metallgerüst befestigt. Mit vereinten Kräften (inzwischen steht bereits der Gegenverkehr vor mir) versuchen mehrere Autofahrer, die beiden Halterungspfosten aus der Verankerung zu heben, sodass es doch noch passt. Vergebens. Also müssen alle rund zwanzig Fahrzeuge hinter mir rückwärts von der Brücke, damit ich Platz machen kann, der Gegenverkehr muss so lange warten, bis die dann alle endlich über die Brücke sind. Interessanter Weise ist keiner der Autofahrer böse, einige halten sogar an und geben Tips, wie man diese Brücke umfahren kann.

Mit Volldampf durch das nächtliche Montenegro

Mit Volldampf durch das nächtliche Montenegro

Inzwischen ist es dunkel. Bis nach Shkodër sind es 60 Kilometer, es gibt dort zwei Campingplätze, die nach meinen Erfahrungen aus 2016 auf jeden Fall noch etliche freie Plätze haben werden, und die SH1 ist in Albanien gut ausgebaut. Also mache ich mich im Dunkeln auf den Weg nach Albanien. An der Grenze ist kaum etwas los, der Grenzübertritt dauert keine zehn Minuten (wobei auch hier die Langsamkeit der Montenegriner auffällt) und sogar im Dunkeln lässt sich die Bundesstraße in Albanien angenehm und zügig befahren.

Camping Legjenda, Shkodër

Camping Legjenda, Shkodër

Um 22:30 erreiche ich den mir bekannten Campingplatz Legjenda unterhalb der Burg in Shkodër. Ich staune nicht schlecht, der Platz ist fast komplett belegt, in der Mitte thront ein wunderschöner Swimmingpool mit kleiner Terasse und generell hat man viel in die Gestaltung des Areals investiert. Ich finde noch einen Stellplatz zwischen einem nicht sonderlich gesprächigen Erfurter und netten Holländern und genehmige mir ein Ankunftsbierchen an der neuen Bar.

Abendstimmung auf dem Campingplatz Legjenda, Shkodër

Abendstimmung auf dem Campingplatz Legjenda, Shkodër

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